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 BESONDERES UND WICHTIGES KANDINSKY
Kandinsky 1944

"Composition 1944"

Composition 1944, ein Pochoir von Kandinsky aus "11 tableaux et 7 poèmes"

Die Entstehung der „Composition 1944“ von Wassily Kandinsky.
Ein Aufsatz von Vera-M. Appel

Als die kleine „Composition 1944“ entsteht, lebt Wassily Kandinsky zurückgezogen mit seiner Frau Nina seit 11 Jahren in einer geräumigen Wohnung in Neuilly-sur Seine, einem neuen Vorort von Paris. Sie hatten Deutschland wegen der politischen Entwicklung 1933 verlassen und Paris als Zufluchtsort gewählt. Als sich auch hier die Umstände zu ihrem Nachteil veränderten, blieben sie trotzdem in der „Hauptstadt der Kunst“. Paris war seit 1940 von deutschen Truppen besetzt, und das Überleben bis 1944 war nicht nur für einen Künstler in vielerlei Hinsicht schwierig. Die Rechte der Franzosen - auch die Kandinskys haben seit 1939 französische Pässe - sind eingeschränkt. Auch hier werden die deutschen Rasse-Gesetze angewendet und die kulturellen Barbareien durchgeführt. Viele Künstler und Freunde haben deshalb die Stadt bzw. das besetzte Frankreich längst verlassen, andere harren aus. Ein Teil der jungen Pariser literarischen und künstlerischen Szene hat sich jedoch in den vier Jahren der Okkupation einigermaßen mit den Besatzern arrangiert. Im schönen Sommer 1944 sind die Terrassen der Künstler-Cafés zum Bersten voll. Die Versorgungslage ist zwar miserabel, aber man hat gelernt zu improvisieren. Auch der 78-jahrige Kandinsky ist dazu gezwungen: Seit einiger Zeit bekommt er keine Leinwände mehr, es fehlen Farben und Pinsel. Das Atelier (der größte Raum der Wohnung) ist nicht heizbar; deshalb muss er in der kalten Jahreszeit im Esszimmer arbeiten. Die Formate werden immer kleiner. Es entstehen vermehrt Zeichnungen und kleine Gouachen auf Pappe, schließlich überarbeitet er ältere Skizzen mit Tusche.
Zu den materiellen Nöten kommen noch weitere Probleme. Die Kontakte zu Kollegen, Freunden und Käufern werden immer spärlicher, da die Reise- und Kommunikationsmöglichkeiten mit dem freien Teil der Welt ständig weiter eingeschränkt werden.
Mit Pierre Bruguière (einem Untersuchungsrichter aus Tours) diskutiert er im Januar brieflich über künstlerische Qualität und berichtet über die zunehmend schwierige Lebenssituation, über Bombenalarme und Lebensmittelsorgen. Auch der Verkauf von Gemälden lässt sehr zu wünschen übrig, was ein bedrohliches Problem werden kann; denn die Kandinskys müssen mangels anderer Einnahmen von den Bildern leben. Kandinsky bezeichnet solche Bilder-Verkäufe treffend als „Stückbrot“. (Die kleine Bauhaus-Rente erhielt er nur bis 1939.)

Auf einer Ausstellung bei Jeanne Bucher im Januar zusammen mit César Domela und Nicolas de Stael wird nichts verkauft. Franzosen kaufen allenfalls französische Künstler. Surrealisten und Kubisten wird der Vorzug gegeben. Der Jugend, die die avangardistische Kunst besonders ansprechen sollte, fehlen die Mittel für Ankäufe. Ausländische Kunden bleiben aus, da durch den Krieg der Verkehr mit der übrigen Welt fast völlig zum Erliegen gekommen ist. Solomon R. Guggenheim z. B., der über Hilla von Rebay fast regelmäßig Werke bei Kandinsky gekauft hatte, bedient sich seit 1937 zu Schleuderpreisen in Deutschland. 57 Gemälde des „entarteten“ Abstrakten waren aus den deutschen Museen und Sammlungen verbannt und weit unter Wert verkauft worden. Über weitere in Deutschland zurückgelassene Bilder hat der Künstler keine Verfügungsgewalt mehr. Es gibt auch keine Verbindung mehr zu seinen New Yorker Händlern, Galka Scheyer, Karl Nierendorf, und
J. B. Neumann.

Im März 1944 erkrankt Kandinsky. Zunächst ist es wohl eine Grippe. Er arbeitet trotzdem weiter bis zum Juli und malt noch jeden Tag, obwohl er Schmerzen beim Gehen und Schwierigkeiten beim Atmen hat. Der Arzt diagnostiziert eine Arteriosklerose.

Im August dann rücken endlich die Alliierten nach der geglückten Landung in der Normandie auf Paris vor. In der letzten Phase der Okkupation beginnt sich auch die Resistance verstärkt bemerkbar zu machen. Straßenkämpfe und Streiks verschärfen die beklemmende Lage. Es gibt kein Gas, keinen Strom, keine Post und keine Zeitungen, die Metro fährt nicht, die Eisenbahnen streiken. Der deutsche Stadtkommandant General von Choltitz erkennt die unhaltbare Lage und zieht die deutschen Behörden und Stäbe ab, ohne den Befehl auszuführen, die Stadt beim Verlassen zu zerstören. Erst am 25. August erreichen die Befreier die Stadt durch die Porte d’Orléans im Süden.
Natürlich weiß Kandinsky davon, aber sein Gesundheitszustand ändert sich nicht. Dennoch wirkt sein Lebenswille ungebrochen.
Im November besucht ihn Alberto Magnelli. Kandinsky äußert dabei die Hoffnung, neue Bilder zu schaffen, „in denen Fröhlichkeit die Hauptrolle spielen würde“. Mit Henri-Pierre Roché spricht er über den Plan, „einen lustigen Film zu drehen“, sobald er wieder gesund wäre. Im befreiten Paris veranstaltet man noch im November 1944 eine Einzelausstellung für Kandinsky in der Galerie d’Esquisses. Als die Ausstellung am 7. Dezember endet, hat sich Kandinskys Zustand weiter verschlechtert.
Nina berichtet zwar vom 4. Dezember, seinem 78. Geburtstag, dass man ausgelassen und fröhlich gefeiert und russische Lieder gesungen habe, aber am13. Dezember reicht die Kraft des Künstlers nicht mehr, und er stirbt.
Wenige Tage nach seinem Tode erreicht ein Brief Hilla von Rebays Paris, worin sie erneut Hilfe und Freundschaft, was wohl auch Ankäufe bedeutet hat, anbietet, sobald dies politisch wieder möglich wäre.
Das letzte Geleit zum neuen Friedhof in Neuilly geben unter anderen Serge Poliakoff und André Lanskoy und Christian Zervos

Noch im Januar 1944, also ein halbes Jahr vor der Befreiung von Paris, war es den Brüdern Jean Paul und Jaap (?) Penraat aus Amsterdam gelungen, Kandinsky aufzusuchen. Dieser übergab ihnen Material für eine Veröffentlichung über ihn, die in Amsterdam erscheinen kann. Dieses „Kandinsky-Album“ soll Reproduktionen von 11 Gemälden (die Penraats bringen die Photos mit) und sieben Gedichte enthalten. Für eine limitierte Luxusausgabe hat Kandinsky eine farbige Zeichnung (eine Gouache wohl) geschaffen, die als Pochoir reproduziert werden kann. Ursprünglich sollte Christian Zervos diese Zusammenstellung in seiner Kunstzeitschrift „cahiers d’art“ oder als Einzelwerk veröffentlichen. Warum dies nicht geschah, ist nicht mehr festzustellen.

Dieses Material einschließlich der Vorlage für das Pochoir kam nun mit den Brüdern Penraat auf illegalen Wegen nach Amsterdam, wo der junge Verleger Frans Duwaer schon darauf wartete.

Dieser Frans Duwaer, in zweiter Generation Drucker und Verleger in Amsterdam, war 1940 als Freund und Förderer der gegenstandslosen Kunst auf die Idee gekommen, eine Kunst-Zeitschrift herauszubringen. Sie sollte dreisprachig sein, um ein internationales Publikum anzusprechen. Allerdings war das Jahr 1940 für dieses Vorhaben der denkbar schlechteste Zeitpunkt, denn die deutschen Truppen hatten im Mai 1940 Holland überfallen und besetzt. Sie herrschten in Holland so rigoros und brutal wie in den meisten besetzten Ländern. Also galt auch hier die abstrakte - oder wie Kandinsky sie lieber nannte - konkrete Kunst als entartet und konnte nur illegal publiziert werden. Zudem waren weitere Schwierigkeiten zu überwinden. Jegliche Verbindung zu Künstlern aus dem Ausland war abgeschnitten, der Postverkehr wurde zensiert, Materialbeschaffung höchst schwierig und der Druck von „Luxusgütern“ war verboten.

Duwaer hatte einen interessanten Mitarbeiter gewonnen. Friedrich Vordemberge-Gildewart Dieser war selbst ein Vertreter dieser Kunstrichtung, gleichzeitig Typograph und Kunstschriftsteller. Zwei kleine Veröffentlichungen waren den beiden trotz der widrigen Umstände bis 1944 geglückt: „Millimeter und Geraden“ von Vordemberge- Gildewart (1940) und ein Gedichtbändchen von Hans Arp (1944). Unermüdlich bemühte sich Duwaer weiter, seinen Plan von einer „Edition Duwaer“ – exklusive Buchausgaben zur aktuellen, besonders der abstrakten Kunst - in die Tat umzusetzen. Sie sollte nur unveröffentlichte Texte und Bilder in kleinen Luxusausgaben „à la Vollard“ bringen.

Man bekam wohl Ende 1943 oder Anfang 1944 Verbindung zu Kandinsky in Paris. Dieser war Feuer und Flamme für die Ideen Duwaers und überließ ihm das Material für das „Kandinsky-Album“, das die Brüder Penraat aus Paris nach Holland schmuggeln konnten.

Die schönsten Papiere aus der Vorkriegszeit waren zurückbehalten worden, Clichés wurden hergestellt, alles war zum Druck bereit, als Frans Duwaer im Sommer 1944 von der Gestapo als Saboteur verhaftet und nach drei Tagen erschossen wurde. Er hatte sich 1942 einer Widerstandsgruppe angeschlossen und benutzte seine Druckerei, um falsche Personalausweise und andere Dokumente zu drucken. Insgesamt sollen es 60 - 70.000 Papiere gewesen sein, mit deren Hilfe verfolgte Personen – vor allem Juden – untertauchen konnten.

Vordemberge-Gildewart sah sich nun vor die Aufgabe gestellt, das begonnene Werk fortzusetzen. Einige eingeweihte Mitarbeiter hatten es fertiggebracht, das Kandinsky-Material vor der Beschlagnahmung zu retten. Allerdings war die weitere Bearbeitung unmöglich, solange ein großer Teil Hollands noch unter deutscher Besatzung litt. Nach einem grausamen Hungerwinter 1944/45 dauerte es noch bis zum 5. Mai 1945, bis die Deutschen die „Festung Holland“ aufgaben. Bis dahin herrschten Rache und Abschreckung. Erschießungen am Straßenrand waren an der Tagesordnung. Hunderte erfroren und verhungerten im extrem kalten Januar 1945. Auch Vordemberge-Gildewart musste noch etliche persönliche Hindernisse überwinden. Die Wohnung, im Festungs-Viertel gelegen, musste geräumt und eine Notwohnung bezogen werden. Seine Frau, eine Jüdin, stand ständig in der Gefahr, von der Gestapo entdeckt zu werden. Kurz vor Weihnachten 1944 wurde er von einem deutschen Militärfahrzeug auf dem Fahrrad angefahren und brach sich den linken Arm und die Schulter. Die nur eingeschränkt mögliche Behandlung führte dazu, dass der Arm erst Ende 1945 wieder vollständig beweglich wurde.

Erst nach Kriegsende konnte das Projekt „Kandinsky-Album“ wieder in Angriff genommen werden. Die bereits fertigen Clichés, die in der Aufregung über Duwaers Festnahme damals nicht behandelt worden waren, waren inzwischen vom Rost angefressen. Also fing man auf die einfachste Weise wieder von vorne an. Nur ganz allmählich verbesserte sich die Versorgungslage. Aber solche elementaren Dinge wie Druckfarbe, Papier und Strom waren
immer noch nicht regelmäßig zu bekommen. Als Erscheinungstermin wird im Impressum der 17. November 1945 genannt. Aber erst im April 1946 konnte das Album in der geplanten Form ausgeliefert werden.

Sowohl der Künstler als auch der Verleger haben somit das Erscheinen nicht mehr erlebt.

Der Band mit dem Titel „11 Tableaux et 7 Poèmes“ ist im Querformat (28 x 35,5 cm) mit 27 S. (davon 11 Tafeln Abbildungen von Gemälden) erschienen. Die Typographie ist von Jan Bons; als Herausgeber firmieren Jean Paul und Jaap Penraat, die das Material aus Paris beschafft hatten; Vordemberge-Gildewart erscheint am Ende des Bandes als der Leiter der „Collection Editions Duwaer“. Die in dem Album reproduzierten 11 Gemälde waren zwischen 1935 und 1943 entstanden und die Gedichte (vier in deutscher, drei in französischer Sprache) zwischen 1936 und 1940. Es gibt ein kurzes Vorwort von Kandinsky, ein Zitat von 1939 10) mit faksimilierter Signatur Kandinskys und einem aktuellen Zusatz, der wohl einer der letzten veröffentlichten Texte Kandinskys sein dürfte: „Es scheint mir nötig, an diese Zeilen noch ein paar Worte anzufügen. Besonders, dass die Unabhängigkeit vom Gegenstand dem konkreten/abstrakten Künstler eine unbegrenzte Freiheit eröffnet. Welche andere Art von Malerei kennt einen solchen Überfluss?“
Einem Teil der Auflage liegt ein Blatt bei, in Farben - die „Composition 1944“. Sie wurde in der Werkstatt Duwaer als Pochoir „mit der Hand ausgeführt“. In einigen Partien musste der Farbauftrag offensichtlich durch Nacharbeiten mit dem Pinsel ergänzt werden, was in jenen materialknappen Zeiten sicher nicht ungewöhnlich war.
Eine Beschreibung der „Composition 1944“ muss sich auf wenige Aussagen beschränken. Kandinsky hatte in Paris begonnen, mit neuen Formen in Gestalt von organischen Wesen, Amöben, pflanzlichen und tierischen Zellschnitten malerisch zu experimentieren. Eine Fülle von großformatigen Gemälden und kleineren Gouachen und Zeichnungen sind daraus entstanden. Dreieck, Quadrat, Linie, Kreis – die Syntax der Bauhausjahre – traten eher in den Hintergrund. Die kleine „Composition 1944“ vereinigt nun alle diese Formelemente. Alles ist vorhanden: Der Kreis, das Quadrat, die Linie, das Dreieck und das organische Wesen, in fünf Farben, durchscheinend aquarellartig bis deckend: Schwarz, dunkles Rot, Gelborange, mattes Blau und Grün (bzw. Beige).

Nun galt es, das „Album“ in der Welt bekannt zu machen. Denn noch 1946 war es für Künstler und Verleger äußerst schwierig, wieder Anschluss an die Kunstwelt und den Kunstbuchhandel zu bekommen. In einzelnen Briefen an die Freunde, Galeristen und Kollegen beginnt Vordemberge-Gildewart bereits Mitte 1945 für die Edition Duwaer Nr.1 eifrig zu werben: Die unter solch dramatischen Umständen entstandene Ausgabe ist limitiert auf 200 Exemplare auf „Van Gelder-Bütten“, davon 45 mit einem Pochoir, (nummeriert von 1 bis 45) und 125 (nummeriert von 46 – 170 ohne Pochoir) und weitere 30 mit dem Pochoir (nummeriert I –XXX hors commerce).
Für jedes einzelne dieser Exemplare muss er geduldig werben. Kollegen, Buchhändler, Freunde, Galeristen in halb Europa schreibt er an. Rührend macht er Vorschläge wie wer kaufen könnte, sollte oder eigentlich müsste. Der Briefverkehr mit alten Freunden und Weggefährten wird für den Erfolg entscheidend. Der Versand ins Ausland, die Bezahlung, alles ist noch 1946 höchst kompliziert. Der Preis beträgt 20 Gulden für die Normalausgabe (ohne Pochoir) und 45 Gulden für die Luxusausgabe (mit dem Pochoir); ein hoher Preis für das durch den Krieg verarmte Europa. Besonders in Deutschland stellt ein Betrag von 18 US-Dollar offensichtlich eine unüberwindliche Hürde dar, obwohl „alles hier aufgenommen wird wie von geistig Verhungernden“, wie der Kunsthistoriker Franz Roh noch 1947 bekennt.

Nicht nur der Künstler, der Schöpfer der Bilder, Texte und des Pochoir, Wassily Kandinsky, verdient in diesem Falle unsere Hochachtung; denn nur mutige und ideenreiche Zeitgenossen wie Friedrich Vordemberge-Gildewart, Frans Duwaer und sicher noch viele andere haben das Erscheinen dieser kleine Composition letztendlich erst möglich gemacht.
Sie alle waren auch in widrigen und dramatischen Zeiten unbeugbar.
Sie glaubten an ihre Kunst und vor allem an die Kraft einer
mit Überzeugung und Leidenschaft vertretenen Kunst.


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copyright: 2008 Vera-M. Appel, Hauptstr. 60, 82234 Weßling , Germany

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